Warum wird ein Bild als Kunst bezeichnet und in einem Museum gezeigt, während ein anderes Bild „nur“ im Kinderzimmer an der Wand hängt? Diese zentrale Frage stand im Mittelpunkt der Vorlesung von Professorin Annette Gerok-Reiter und ihrer Mitarbeiterin Sabrina Kremling von der Universität Tübingen. Rund 80 interessierte Kinder waren in die Mensa der Federseeschule Bad Buchau gekommen. Aufmerksam folgten sie den Ausführungen der Wissenschaftlerinnen, beteiligten sich aktiv am Gespräch und nutzten immer wieder die roten und grünen Karten auf ihren Plätzen, um durch eifriges Hochhalten Fragen zu beantworten.
Zu Beginn ging es um die Frage, warum Menschen überhaupt Bilder malen. Die Referentinnen zeigten eine rund 50 000 Jahre alte Höhlenmalerei aus Indonesien. Gemeinsam deuteten die Kinder die Darstellung als Jagdszene mit einem Schwein. Da dieses Tier eine wichtige Nahrungsquelle war, wurde deutlich: Menschen nahmen sich schon früh Zeit für das Malen – offenbar ein grundlegendes menschliches Bedürfnis.
Einigkeit herrschte auch darüber, dass viele der jungen „Studierenden“ selbst gerne malen. Doch was bewegt Menschen dazu? Ist es der Wunsch, etwas Schönes zu schaffen, Neugier, Langeweile oder das Bedürfnis, Gefühle auszudrücken? Und was treibt Künstlerinnen und Künstler an? Lässt sich ihre Motivation in ihren Bildern erkennen?
Bilder begegnen uns überall – in Büchern, Zeitschriften, an Wänden und in Museen. Die Referentinnen hatten eine Auswahl mitgebracht, darunter ein Werbeplakat, zwei bekannte Gemälde und eine Illustration aus einem Kinderbuch, die gemeinsam genauer betrachtet wurden.
Besondere Aufmerksamkeit erhielt das berühmte Gemälde „Der Schrei“ von Edvard Munch. Die Kinder beschrieben eindrucksvoll die teils düsteren Gefühle, die das Bild in ihnen auslöste. Anschließend zog sie ein weiteres großes Meisterwerk in seinen Bann: „Sternennacht“ von Vincent van Gogh. Schnell erkannten die Kinder den wirbelnden dunklen Nachthimmel mit leuchtenden Sternen und Mond, der die darunterliegenden Häuser beinahe in den Hintergrund treten lässt.
Das letzte Bild war das Titelbild des Buches „Regenbogenfisch“ von Marcus Pfister. Viele Kinder kannten die Geschichte und konnten sie treffend wiedergeben. Im Vergleich zeigte sich jedoch, dass dieses Bild nicht in gleicher Weise starke Emotionen hervorrief wie die zuvor betrachteten Kunstwerke. Prof. Dr. Gerok-Reiter fasste zusammen, dass Kunst oft daran erkennbar ist, dass ein Bild sorgfältig gestaltet ist, die Sinne anspricht und besondere Emotionen auslöst. „Van Gogh wollte nicht einfach nur etwas Hübsches malen“, erklärte sie. Wenn Fragen entstehen wie: „Was ist eigentlich ein Himmel? Bedroht er mich oder schützt er mich? Und wie fügt sich ein kleines Dorf in den großen Kosmos ein?“, dann komme man dem Sinn von Kunst näher. Denn Kunst, so Gerok-Reiter, bedeute immer auch, Fragen zu stellen.
Zum Abschluss ermutigten die Wissenschaftlerinnen die Kinder, selbst kreativ zu werden. „Ihr könnt euer Lieblingsbild – zusammen mit einer Begründung, warum es Kunst ist – nach Tübingen schicken“, lud Sabrina Kremling ein. Ausgewählte Werke sollen in einer digitalen Bildergalerie präsentiert werden. Im Anschluss nutzten viele Kinder die Gelegenheit für weitere Fragen, bevor die Veranstaltung mit einem begeisterten Klopfapplaus endete.
Text: SOLE, Foto: Federseeschule Bad Buchau
